Vom Student zum Bauherren: Pilotprojekt sorgt für Furore

Wer in den vergangenen Wochen durch das Stadtzentrum von Heidelberg lief, kann sich gewiss an den selbstgebauten Holzcontainer erinnern. Mitten in der Stadt zog der 14 Quadratmeter große Kasten die Blicke auf sich, hinter dessen bodentiefem Fenster ein Schreibtisch, kleiner Schrank und kleines Bett die Blicke auf sich zog. Dieser Container steht sinnbildlich für das Wohnungsproblem, dem Studenten in der Universitätsstadt ausgesetzt sind. Seit 2010 sind die Preise für die Unterkünfte um nahezu ein Viertel angestiegen. Derzeit hoffen rund 1.600 Studierende darauf, schon bald einen der heiß begehrten Wohnheimplätze zu erhalten.

Ein Studentenwohnheim mit Selbstverwaltung

Tatsächlich könnte der Container zur Lösung des Problems beitragen. Der Kubus ist Symbol eines Projekts namens "Collegium Academicum", das von 25 Studenten initiiert wird. Ihr Ziel: sie möchten ein Wohnheim errichten, dessen Bewohner selbstverwaltet miteinander leben. Das neue Wohnheim setzt sich aus einem Altbau sowie einem neuen Holzbau zusammen, die in 225 Zimmer sowie mehrere Gemeinschaftsflächen unterteilt sind. Jeder Bewohner des Studentenheims muss mit einer Warmmiete von 300 Euro rechnen – ein Schnäppchen für den Heidelberger Immobilienmarkt. Die Kosten für eine durchschnittlich 30 Quadratmeter große Studentenwohnung belaufen sich in Heidelberg auf 437 Euro. Tendenz steigend. Deshalb ist es für Studierende eine umso größere Herausforderung, ein preiswertes Zimmer zu finden.

Ein Teil der Lösung eines umfassenden Problems

Bereits seit 2014 haben es sich angehende Akademiker wie Margarete Over zur Aufgabe gemacht, die Idee des Collegium Academicum in die Tat umzusetzen. Dieses Projekt soll ein Modell erschaffen, um günstigen, ökologischen und gemeinschaftlichen Wohnraum anzubieten. Die Psychologie-Studentin betont, dass für den Baubeginn noch 600.000 Euro notwendig sind, die über Spenden von Stadtbewohnern sowie Direktkredite finanziert werden sollen. Der ein zukünftig Wohnheimzimmer aufzeigende Container soll Bürger auf den dringend benötigten Wohnraum aufmerksam machen. Ein Problem besteht für zukünftige Akademiker darin, dass das Studentenwerk Heidelberg derzeit keine neuen Plätze erbaut. Laut dem Sprecher des Deutschen Studentenwerks – Stefan Grob – ist es jedoch an der Zeit, Investitionen in den Wohnheimbau zu tätigen. Studierende dürften nicht nur damit beschäftigt sein, zu viel Zeit in die Wohnungssuche zu stecken. Diesem Problem wird beispielsweise durch Initiativen privater Investoren entgegengewirkt, die auf den studentischen Wohnungsmarkt setzten.

The Student Hotel: auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Doch die Mieten sind in vielen deutschen Universitätsstädten hoch. Aufgrund stetig steigender Studentenzahlen entscheiden sich Investoren für lukrative Geschäfte. Besonders wichtig ist es jedoch, nicht in das Luxussegment zu investieren. Vielmehr wird günstiger Wohnraum benötigt. Eine Idee des niederländischen Unternehmens "The Student Hotel" sorgte einst für Furore. Diese deutschlandweit derzeit nur in Dresden ansässige Firma setzt auf Kombinationen aus Wohnungen mit Hotelzimmern. Doch von einem Schnäppchen kann keine Rede sein. Wer im Student Hotel in Dresden ein Refugium sucht, muss auch für diese Unterkunft 595 Euro je Monat bezahlen.

Ein Bauprojekt ohne Profitinteressen

Preise wie diese erscheinen aber unrealististisch, wenn man bedenkt, dass sich das derzeitige Durchschnittseinkommen eines Studenten auf 918 Euro je Monat beläuft. Umso vorbildlicher ist das Projekt der Heidelberger Studenten, die sich völlig bewusst gegen eine Fokussierung auf Renditeerzielung entscheiden. Das Collegium Academicum betont ganz bewusst, das Projekt ohne Profitinteressen und private Investoren durchführen zu wollen. Und der Erfolg gibt dem Bauprojekt recht. Viele Anträge und Initiativen später steht das Bauvorhaben mittlerweile in den Startlöchern. Durch die Unterstützung der Stadt Heidelberg ist es dem Collegium Academicum gelungen, eine Idee für günstigen und nachhaltigen Wohnraum zu realisieren, die auf Eigenverantwortung und Variabilität baut. Die Standardgröße der Privatzimmer beläuft sich zwar auf 14 Quadratmeter. Doch den potentiellen WG-Bewohnern steht es frei, den Wohnraum auf 7 Quadratmeter zu minimieren. Dieses System wird durch die Holzbauweise des Gebäudes ermöglicht, demzufolge Bewohner des Wohnheims Innenwände im Steckbaukasten-System eigenständig versetzen können. Durch diese Flexibilität besteht die Möglichkeit, dass mehrere separate Wohngemeinschaften zu einer großen zusammengelegt werden können.

Ein Großteil der Finanzierung ist bereits geklärt

Dadurch profitieren die Heimbewohner nicht nur von den günstigen Mietpreisen, sondern zugleich vom einladenden gemeinschaftlichen Flair. Annehmlichkeiten wie ein großer Gemeinschaftsraum samt Küche, eine Werkstatt oder Aula mit Dachgarten gehören zu diesem Bauprojekt dazu. Doch natürlich sind die jungen Bauherren auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die Kosten des Projekts belaufen sich auf etwa 15 Millionen Euro. Etwa 2,6 Millionen Euro werden durch Bundes- und Landesfördermittel finanziert. Spenden und Direktkredite von etwa 2 Millionen Euro werden durch einen Kfw-Kredit von rund 9,5 Millionen Euro ergänzt.

Keine Distanz zur Öffentlichkeit

Die Weichen für das Konzept und die Finanzierung sind gestellt. Nun rühren die Bauherren in spe die Werbetrommel, um das verbleibende Geld einzufahren. Der Baugrund ist zwar zugesichert. Allerdings verzögert sich der Kaufprozess, da das Hab und Gut auf der Konversionsfläche einstiger amerikanischer Streitkräfte gelegen ist. Beginnt der Bau wie erhofft im Jahr 2019, könnten schon ein Jahr später die ersten Studenten einziehen. Um noch mehr Raum zu erschaffen, sollen zusätzlich zwei Bestandsbauten genutzt werden. Das einstige Verwaltungsgebäude der Amerikaner soll 50 Abiturienten die Möglichkeit bieten, ihr Vorstudium zu absolvieren. Im alten Pförtnerhäuschen soll ein Café mit Geschäft eröffnet werden. Grundsätzlich ist es den Erbauern wichtig, sich nicht von der Öffentlichkeit abzuschotten. Dennoch ist den Heidelbergern eine Selbstverwaltung vom ersten bis zum letzten Ziegel besonders wichtig. Dann schauen die Initiatoren des Projekts ganz gespannt darauf, in welche Richtung sich das Collegium Academicum entwickeln wird.

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